ANSICHTEN EINES CLOWNS

ANSICHTEN EINES CLOWNS
NATIONALTHEATER MANNHEIM
DEUTSCHLAND
Dauer 1 Stunde 45 Minuten
Regie Maxim Didenko
Premiere am 30. März 2019
KÜNSTLERISCHES TEAM
Text Valery Pecheykin
Bühne und Kostüme Maria Tregubova
Komposition Vladimir Rannev
Video Oleg Mikhailov
Licht Damian Chmielarz
Choreografie Dina Khuseyn
BESETZUNG
Marie Derkum Sophie Arbeiter
Hans Schnier Christoph Bornmüller
Leo Schnier, Herr Fredebeul Rocco Brück
Mutter Schnier Johanna Eiworth
Henriette Schnier Lorena Handschin (Schauspielstudio)
Vater Schnier, der Alte Boris Koneczny
Heribert Züpfner, Herr Kinkel, Kostert Robin Krakowski
Frau Fredebeul, Bela Brosen, Monika Silvs Viktoria Miknevich
Vater Derkum, Prälat Sommerwild, Zohnerer Patrick Schnicke
Ein gescheiterter Rebell ist er, dieser Hans Schnier, der sich als tingelnder Clown selbst ins Abseits stellt. Halb überzeugt, halb trotzig führt er sein Nomadendasein in deutschen Hotelzimmern – lieber das, als Industriellensohn zu sein und die Kinder katholisch erziehen zu lassen, wie es seine große Liebe Marie wollte. Schnier ist einer, der Glück offenbar nur als Außenseiter erträgt.
Heinrich Böll ist einer der wichtigsten Intellektuellen der Nachkriegszeit. „Ansichten eines Clowns“, seine Abrechnung mit der konservativen, christlich geprägten Bundesrepublik der 1950er-Jahre, wurde ein internationaler Erfolg. In Russland, wo die orthodoxe Kirche noch immer eng mit dem Staat verbunden ist, ist Böll bis heute besonders populär. Für den russischen Regisseur Maxim Didenko macht vor allem der Blick des Clowns auf die Wirklichkeit Bölls Weltsicht so einzigartig. Aus der zugleich anarchischen und wahrhaftigen Kunst des Clownings entwickelt er eine neue performative Sprache zwischen Tragödie und Komödie. „Ansichten eines Clowns“ ist seine erste Regiearbeit in Deutschland.
In seiner Premierenkritik schrieb Harald Raab sinngemäß: Bölls Erzählung über die real existierende Zwangsgesellschaft der Adenauer-Republik komme in Mannheim als clowneske Karikatur daher. Die Figuren agierten pantomimisch, mit puppenhaft-mechanischen, mitunter tänzerischen Bewegungen – stereotyp überzeichnete Typen, Lemuren der gesellschaftlichen Verlogenheit. Sie alle stünden unter der Fuchtel der katholischen Kirche, in einem von oben verordneten System bürgerlicher Anständigkeit, das die recht aktive Rolle in der NS-Barbarei vergessen machen solle. Besonders kühn: die Mutter des Clowns (Johanna Eiworth), die ihre Tochter für Führer, Volk und Vaterland geopfert habe und nun als Präsidentin der Gesellschaft zur Versöhnung rassischer Gegensätze umtriebig sei.
Video und Licht (Oleg Mikhailov und Damian Chmielarz) trügen entscheidend zur Faszination dieser Romanadaption bei. Ganze Szenen würden von dramatischen Bildsequenzen überzogen, Farbmuster umrissen das Geschehen, Fotos von HJ-Aufmärschen färbten sich blutrot. Besonders beklemmend eine Videosequenz: In einer imaginierten Orgie lustvollen Tötens erschieße der Clown seine Quälgeister und filme die sterbenden Opfer mit der Handkamera.



